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21.01.13 12:00 Alter: 117 days

Erklärung des Rats der Muslime in Bonn

 

Erklärung des Rates der Muslime in Bonn zur Medienberichterstattung in Sachen "Bombenfund am Bonner Hauptbahnhof" und "Vermeintlicher Überfall auf indischen Studenten"

Wie immer wenn irgendwo in Bonn die Behauptung aufgestellt wird, Muslime hätten ein Unrecht verübt, sind auch im Fall des indischen Studenten und der Bombenparodie am Bahnhof unterschiedliche Stellen mit der Bitte an uns herangetreten etwas gegen die salafistische Bedrohung in Bonn zu unternehmen. Eine Vorverurteilung hat also wieder stattgefunden.

Der Rat der Muslime sieht insbesondere angesichts der jüngsten Ereignisse nicht seine Aufgabe darin, in den Chor der Aufgeregten einzustimmen und die üblichen, geforderten Distanzierungsreflexe zu bedienen.

Die Bahnhofsbombenparodie und der mittlerweile geflohene indische Student haben gezeigt, dass nicht nur die Medien, sondern auch öffentliche Stellen einen Generalverdacht zum Nachteil der Muslime bedienen und derart einen Keil zwischen Muslime und die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft treiben.

Wenn der Rat in diesem Dickicht aus medialer Panikmache und politischem Spießrutenlaufen überhaupt eine Aufgabe wahrzunehmen hat, besteht diese darin, den rassistischen Diskurs zu entlarven und durch Richtigstellung der Fakten zu dekonstruieren.

Freilich ist der vorliegende Rahmen einer Erklärung der jüngsten Ereignisse nicht ausreichend, um die Kontinuität des antiislamischen Diskurses aufzuzeigen, der in Bonn unter der ehemaligen Oberbürgermeisterin Dieckmann auf die Spitze getrieben wurde.

Kurz nachdem der indische Student bei der Polizei behauptet hatte, ihm sei in die Zunge geschnitten worden, gab die Pressestelle der Polizei Bonn eine Presseerklärung heraus. Obgleich die Geschichte von Anfang an stutzig machen musste, wurden Informationen so weiter gegeben, dass die Presse den Verdacht der Begehung einer derartigen Straftat auf die Muslime lenkte.

Die Veröffentlichung der Presseerklärung durch die Polizei widerspricht unter verschiedenen Gesichtspunkten der Ordnung, nach der die Pressestelle der Polizei in derartigen Fällen vorzugehen hat. Übergeordnete Stellen, die bei Verdacht des Vorliegens solcher Straftaten die Weitergabe von Informationen an die Presse durch die Polizei autorisieren, wurden übergangen. Die Darstellung durch das vermeintliche Opfer selber war zudem in derart vielen Punkten unschlüssig und widersprüchlich, dass ein Zuwarten der Polizei vor Herausgabe der Information auch aus diesem Grund geboten war. So hatte der indische Student behauptet, durch mehrere Schläge am Kopf zu Boden gebracht worden zu sein. Derartige Schläge verursachen Spuren. Es gehört zum kleinen Einmaleins der Polizeiarbeit bei Aufnahme der Anzeige einer derartigen Straftat, Verletzungen optisch in Augenschein zu nehmen und zu protokollieren. Insofern verwundert es, dass das Fehlen von Verletzungen am Kopf des indischen Studenten erst die kriminologisch nicht geschulten Mediziner stutzig machte, nicht aber die Polizei. Schon die hier benannten Informationen gebieten eine öffentliche Aufarbeitung der Versäumnisse der Polizei und eine Klarstellung durch die Polizeipräsidentin.

Diese zog es vor, als schon Zweifel an der Geschichte kursierten, der Express ein Interview zu geben, in dem sie unter anderem behauptete: "Wir haben die Salafisten unterschätzt!". Der Express nahm diese medientechnisch geschickte Aussage zum Titel für die Ausgabe am 05.01.2013. Wer sich die Mühe machte den Artikel zu lesen fand dann heraus, dass die Polizeipräsidentin sich auf die Ereignisse in Lannesdorf bezog. Die meisten Menschen lasen nur die Schlagzeile assoziierten das Eingeständnis der Polizeipräsidentin angesichts der zeitlichen Nähe der "Bombenparodie" und der "Zungengeschichte" natürlich mit diesen Ereignissen. Ein weiteres Mal wurde die Behauptung der Gefährlichkeit der Bonner Salafistenszene in das kollektive Gedächtnis der Bonner Bevölkerung gerufen und die Angst vor praktizierenden Muslimen bedient, die es zu zementieren gilt, obgleich die letzen Ereignisse vermutlich gar nichts mit Muslimen zu tun haben.

Ähnlich verhält es sich mit der Bahnhofsbombenparodie. Bislang hat sich der Verdacht der Begehung durch Muslime nicht erhärtet. Nach uns vorliegenden Informationen ermitteln die Behörden auch in die rechte Szene, ein halbherziger Lernerfolg aus der Erfahrung der Bombe in der Keuptstraße in Köln, wo der Staat türkische Kreise beschuldigte und es versäumte in die rechte Szene zu ermitteln, die für die Tat verantwortlich war. Auch hier in Bonn wurde der Verdacht auf bewusst unsicherer Tatsachengrundlage auf die Muslime gelenkt und weitestgehend ausgeblendet, dass eine Begehung durch die rechte Szene wahrscheinlicher ist.

Was folgte war eine Parodie, die Loriot nicht hätte besser inszenieren können. Erst war es eine Bombe, dann wieder nicht, dann war sie zündfähig, dann wieder nicht, dann wurde sie gezündet, dann wieder nicht. Bislang einziges Opfer dieser Parodie sind die Muslime, die hier wieder einmal stigmatisiert wurden.

In Bonn kann es peinlich sein, einen Bart zu tragen und islamisch gekleidet zu sein. Ein Mitglied der Bonner Gemeinde wurde vor kurzem am Bonner Hauptbahnhof von 10 Polizisten lautstark aufgefordert seinen Koffer zu zeigen. Er hatte den Verdacht dadurch erregt, dass er einen Bart trägt und islamisch gekleidet war.

Welchen Wert genießt Religionsfreiheit, wenn das religiöse Bekenntnis aufgrund falscher Berichterstattung von Staat und Medien zu gesellschaftlicher Stigmatisierung führt.

Dies zu vermeiden setzt ein Umdenken voraus, das wir im Sinne eines respektvollen Miteinanders anregen.